Von Vision zu Version (Teil 1)

Warum die Versicherung von morgen eher wie ein Kumpel als wie eine Police aussehen wird.

16.03.2019
Patrick
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Warum die Versicherung von morgen eher wie ein Kumpel als wie eine Police aussehen wird

Eine klare Vision steht im Anfang innovativer Ideen. Doch gilt das auch für austauschbare, langweilige Produkte wie Versicherungen? Was heißt das überhaupt für die Praxis? Und wie entwickelt man eine Produktvision in einer Branche, die allgemein als unsexy gilt? 

Versicherungen sind ein schwieriges Produkt: Einerseits sind die Versicherungsleistungen wie die Deckungssumme oft  standardisiert und die Produkte daher austauschbar. Andererseits haben Versicherungsprodukte den Ruf, intransparent und kompliziert – und daher beratungsintensiv – zu sein. Für viele Kunden sind Versicherungsprodukte nach wie vor Vertrauensgüter.

Wie schafft man den Spagat zwischen neuen, innovativen Ideen und fest verankerten Kundengewohnheiten? Wie lässt sich ein gutes Kundenerlebnis sicherstellen und mit alten Gewohnheiten brechen, ohne die Kunden zu überfordern? Wie setzt man einen neuen Trend oder revolutioniert sogar eine gesamte Branche?

Am Anfang all solcher Überlegungen steht eine Vision. Diese Vision beschreibt das Endziel, das ihr erreichen wollt. Dazu braucht ihr eine klare Strategie. Ihr müsst die richtigen Dinge tun, um dieses Endziel zu erreichen. Vision und Strategie allein reichen jedoch noch nicht, ihr müsst diese Dinge auch richtig umsetzen. Hier reden wir von Taktik.

Um die Abgrenzung etwas konkreter zu machen, gestattet mir eine Analogie: Nehmen wir an, ich möchte dieses Jahr mit meiner Freundin über Weihnachten nach Straßburg fahren. Also beginne ich, über Google Maps nach dem schnellsten Weg zu suchen, und Google Maps liefert mir mehrere Transportmittel mit jeweils mehreren Routen – vom Auto oder der Bahn übers Fahrrad bis zu Fuß.

In obigem Beispiel wäre die Vision also ein “aufregender Weihnachtsurlaub in Straßburg“, und Google Maps hilft mir, die verschiedenen Strategien zu verstehen, mit denen ich dorthin gelangen könnte (d.h. Verkehrsmittel und Route). Wie im Produktbereich gibt es also mehrere Strategien, um zu einem einzigen Ziel zu gelangen.

Spielen wir den Gedanken noch weiter: Wir entscheiden uns dafür, das Auto zu nehmen, und wählen die kürzeste Route nach Straßburg. Google Maps gibt mir nun ganz konkrete Hinweise, wann ich wo abbiegen muss. Diese Hinweise sind also taktische Maßnahmen, die ich umsetzen muss, um mit der gewählten Strategie auf Kurs zu bleiben: Um den Weg zu gehen, den Google Maps für die Fahrt von Heidelberg nach Straßburg empfiehlt, muss ich jede vorgegebene Kurve verfolgen. Weitere Taktiken, um das Ziel schnell zu erreichen, könnte sein, vorher zu tanken oder ein Picknick zu packen, um unterwegs keine Pause machen zu müssen. Möglich wäre auch, vor der Abfahrt zu essen. Das Prinzip ist also: Um eine Produktstrategie richtig umzusetzen, müssen wir die richtigen Taktiken anwenden und sicherstellen, dass sie sich zu etwas Größerem ergänzen.

Sechs Gründe für eine Produktvision

Ihr wisst nun also, was eine Produktvision ist – und vielleicht habt ihr auch schon ein Gespür dafür entwickelt, warum sie wichtig ist. Für diejenigen von euch, die noch skeptisch sind, will ich sechs meiner Lieblingsargumente aufgreifen, warum ihr eine Produktvision haben solltet.

  1. Visionen sind Voraussetzung für Veränderungen

Der verstorbene Steve Jobs sagte in einer Werbung für Apple einmal den folgenden Satz: „…die Leute, die verrückt genug sind, zu glauben, dass sie die Welt verändern können… sind diejenigen, die es tun.“ Dieses Zitat hat mich immer begleitet, weil es die Idee aufgreift, dass Innovation immer mit jemandem beginnt, der glaubt, die Welt verändern zu können.

  1. Visionen vereinfachen Ideen

Als Kind spielte ich gerne Flüsterpost. Dieses Spiel hat mir in jungen Jahren eine sehr einfache, aber wichtige Lektion erteilt: Kommunikation ist schwierig. Besonders schwierig ist Kommunikation dort, wo komplexe Ideen auf verschiedene Teams treffen. Die Produktvision trägt dazu bei, dass das gesamte Unternehmen gemeinsam auf dieses Endziel hinarbeiten kann.

  1. Visionen helfen Gruppen, sich auf ein gemeinsames Ziel auszurichten

Wenn Unternehmen wachsen, wird die Verantwortung der Teammitglieder mit der Zeit immer spezieller. Die meisten Mitarbeiter arbeiten also nur an einem Puzzleteilchen, das sich zu einem großen Ganzen fügen muss. Eine gut durchdachte und klar kommunizierte Produktvision bietet hier eine wichtige Orientierung. Sie hilft Gruppen dabei, sich ins Gesamtgefüge zu integrieren und befähigt die einzelnen Teammitglieder gleichzeitig dazu, bessere Entscheidungen selbstständig zu treffen.

  1. Visionen erschließen die kollektive Vorstellungskraft

Verschiedene Menschen nehmen die gleiche Realität unterschiedlich wahr. Umso wichtiger ist eine klare Vision, die eurem Team hilft, die verschiedenen Sichtweisen und Ideen jedes Einzelnen freizusetzen. Denn die kollektive Intelligenz der Gruppe ist immer größer als die Intelligenz einer einzelnen Person, unabhängig davon, wie intelligent diese Person sein mag.

  1. Visionen grenzen „Bewegung“ von „Fortschritt“ ab

Die Produktvision ist das Endziel unserer Reise, daher ist sie der wertvollste Bezugspunkt, um Bewegung und Fortschritt zu unterscheiden. Wenn wir ein Pferd mit geschlossenen Augen reiten, wäre es schwer zu sagen, ob wir unserem Endziel näher kommen oder nicht. Umgekehrt – wenn wir wissen, wohin wir gehen wollen und dieses Ziel im Auge behalten – fällt es uns viel leichter zu beurteilen, ob wir dem Ziel auch tatsächlich näher kommen.

  1. Visionen helfen, Prioritäten zu setzen

Mit einer Produktvision ist es in der Regel einfacher möglich, sich bei mehreren Ideen auf jene zu konzentrieren, die für unsere Kunden den größten Mehrwert bietet. Alles, was wir tun, sollte den Status quo für den Kunden verbessern. Die Produktvision dient als entscheidender Bezugspunkt, um festzustellen, welche Ideen hier das größte Potenzial haben.

Wie erstelle ich eine Produktvision?

Hoffentlich seid ihr jetzt überzeugt und begierig darauf, eine eigene Produktvision zu entwickeln. Doch was nun? Bei der Vision geht es darum, eine Geschichte zu erzählen. Dabei will ich euch einen Ratschlag weitergeben, den ich selbst von dem erfahrenen Geschichtenerzähler Paul Currington bekommen habe: „Kenne deine letzte Zeile, bevor du anfängst.“ Ich habe diesen Ratschlag beherzigt und er begleitet mich noch heute – auch und gerade als Produktmanager. Als Geschichtenerzähler arbeitet ihr auf die Pointe Ihre Geschichte hin. Und ähnlich arbeitet ihr als Produktmanager auf das Endziel hin.

An dieser Stelle wird mein Artikel leider vage. Er muss es sein, da es keine „eine richtige Antwort“ gibt, wie man großartige Produktvisionen entwickeln kann. Es gibt keine Checkliste mit spezifischen Aufgaben, die ihr abarbeiten könnt, um ein großartiges Produkt zu haben. Ähnlich wie beim Erzählen einer Geschichte oder beim Schreiben eines Romans braucht es Fantasie und Kreativität und Erfahrung und Wissen und vor allem auch glückliche Zufälle. 

Quellen der Inspiration

Der zündende Gedanke – die Inspiration – kann von überall kommen – aus euch selbst heraus (also intrinsisch) oder von außen (also extrinsisch). Das Wichtigste ist daher, achtsam zu sein und zu reflektieren, wenn ihr etwas Interessantes oder Ungewohntes oder Verstörendes beobachtet.

Die intrinsische Inspiration kommt von innen. Es sind Ideen und Gefühle, die ich in mir selbst bemerke, die ich dann versuche, in das Produkt einzubinden, an dem ich arbeite. Hier sind einige Beispiele:

  • „Stell dir eine Welt vor, in der….“: Eine Vision kann so einfach sein wie diesen Satz frei zu vervollständigen. Seid gespannt, was herauskommt, wenn ihr versucht, den Satz zu beenden.
  • Unzufriedenheit mit der aktuellen Welt: Wann war das letzte Mal, dass du das Gefühl hattest, dass etwas an der Welt einfach besser sein könnte? Was fühlte sich daran nicht richtig an? Wie würdest du es besser machen, wenn du einen Zauberstab hättest?
  • Intuition und Bauchgefühl: Manchmal haben wir einfach das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und verbessert werden kann. Erkundet diese Gefühle und versucht, ihnen auf den Grund zu gehen.

Extrinsische Inspiration kommt von der Umgebung. Es sind Beobachtungen über die Welt, die den nächsten Schritt in einer sich ständig entwickelnden Gesellschaft bestimmen könnten. Hier einige Beispiele:

  • Menschen um dich herum: Wann war das letzte Mal, dass jemand, den ihr kennt, etwas Kluges gesagt hat? Wie könntet ihr diese Ideen erweitern und in euer Produkt integrieren?
  • Lücken in bestehenden Produkten: Wie sieht der Wettbewerb aus? Gibt es Kundensegmente, die unterversorgt sind?
  • Trends aus anderen Branchen: Gibt es andere Branchen, die ähnliche Veränderungen durchlaufen? 
  • Weltgeschichte: Gibt es vergangene Ereignisse, die vage an das Geschehen in eurem Produktbereich erinnern? Welche Parallelen lassen sich beispielsweise zwischen dem Anstieg der Fertigung und dem Anstieg der Automatisierung ziehen?
  • Zufällige Person auf der Straße: Grundsätzlich kann die extrinsische Inspiration von überall her kommen. Vielleicht ist das Wichtigste, dass wir aufpassen und uns Zeit nehmen, ein wenig zu reflektieren, wenn wir etwas Interessantes finden.

Eine Bitte zum Schluss

Wie eingangs erwähnt, bin ich sehr daran interessiert, auch von Ihnen zu lernen. Kontaktieren Sie mich gerne und lassen Sie uns diskutieren und Ideen austauschen. Ich freue mich auf Einblicke und Produktvisionen!

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